Station 7: Der Wildemann

Wildemänner Erbstollen und Blindschacht

Der Wildemann war bis Anfang des 18. Jahrhunderts eine der vielen kleinen Erzgruben auf der Ostseite der Martinshardt mit drei übereinander liegenden Strecken und einem kleinen Schacht.  Wie alle Betriebe, die ihre Abbaue unter das Niveau ihres Tagesstollens vertiefen wollten, hatten auch der Wildemann und die etwas oberhalb gelegenen Kleinzeichen „Wolf“ und „Jungfer“ mit Wasserproblemen zu kämpfen.

So entschlossen sich die Werken der drei Gruben im beginnenden 18. Jahrhundert, einen gemeinsamen Wasserlösungsstollen zu bauen. Als er 1717 die Gruben erreichte, wurde ihm wegen der großartigen technischen Leistung die „Erbstollengerechtigkeit“ verliehen. Diese erhielten Stollen, die anderen Gruben infolge ihrer tiefen Lage bedeutende Vorteile bei der Wasserlösung brachten. Von den Vorteil nehmenden Gruben mussten sie gemeinschaftlich gebaut und unterhalten werden.

Foto: Eingang der Grube Wildermann

Eingang zur Grube Wildermann

Während die „Jungfer“ selbständig blieb, bildeten „Wolf“ und Wildermann eine Verbundgrube. Noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde mit dem Bau eines weiteren Wasserlösungsstollens, dem „Vereinigten Jungfer- und Wildemanns-Stollen“, 33 m unterhalb des Wildenmannes, begonnen. 1790 waren der Jungfer- und Wildemänner Erzgang und etwas später die Grube „Wolf“ und der „Blendgang“ erreicht, deren Wasser nun dem neuen Stollen zufloss.

Er „enterbte“ in puncto Wasser den alten Tagesstollen. Die Gruben waren damit verpflichtet, auch ihn gemeinsam zu unterhalten, verloren ihre Selbständigkeit und schlossen sich unter dem Namen „Wildermann“ zusammen. Ihren Lösungsstollen nannten sie „Wildemänner Erbstollen“.

Mit der Verlängerung des Erbstollens auf die Westseite der Martinshardt traten dem Wildenmann nach und nach auch die Ferndorfer Gruben bei: Strumpf, Glücksanfang, Jungermann, Sonnenberg und Kuhlenberg. Andere „consolidierten“ (vereinigten sich) durch die Zusammenlegung von Grubenfeldern oder aus betrieblichen mit der Grube, auch wenn sie keinen Vorteil von dem neuen Erbstollen hatten: Abraham, Neue Hoffnung, Birkhahn, Tiefenthal, Caroline, Adler und Carlszeche. So entwickelte sich der Wildemann zwar zur zeitweise größten Metallgrube des Müsener Reviers, war jedoch kein in sich geschlossenes Bergwerk. Das weit verstreute Konglomerat von kleinen und kleinsten Stollen und Schächten hatte vor allem ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ständig mit zu hohen Betriebskosten zu kämpfen.

Die Erzgänge des Kerns der Grube Wildermann wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zu 130 m unterhalb des Wildemänner Erbstollens und an der Wende zum 20. Jahrhundert von der Grube Stahlberg aus bis zur 424-m-Sohle, 600 m unter dem Gipfel der Martinshardt, abgebaut.

Gewonnen wurden Bleiglanz und Fahlerz mit dem darin enthaltenen Silber, Zinkblende, gelegentlich Kupfer- oder Schwefelkies und hier und da der seltene Kobaltkies oder Nickel-Arsen-Glanz. Nur die Gänge Wildermann, Nimrod, Regulus, Jungermann, Sonnenberg und Kuhlenberg enthielten abbauwürdige Eisenerzvorkommen. Als ab 1847 eine Verbindung zum 140 m tieferen Stahlberger Erbstollen bestand und dieser die Wasserlösung übernahm, konnte man das zentrale Wildemänner Grubengebäude nach unten erweitern und ergiebige neue Erzlager erschließen.

Der Wildemänner Erbstollen war von Anfang an so konzipiert, dass er auch die Ferndorfer Gruben auf der Westseite der Martinshardt „lösen“ konnte. Außer der Wasserableitung brachte er auch betriebliche Verbesserungen: er reduzierte die Transport- und Wegekosten, rationalisierte die Förderung der Hauptabbaustellen und ermöglichte die Konzentration der meisten zentralen Einrichtungen wie Aufbereitung, Weiterverarbeitung und Abtransport der Erze in Müsen.

Nach fast 200 Jahren Bauzeit erreichte er um 1890 – in einem großen Bogen unter dem Gipfel der Martinshardt ausholend- die Grube Kuhlenberg als das am weitesten entfernte Bergwerk. Mehr als 15 Betriebsstätten wurden angeschlossen, seine Länge erreichte mit allen Nebenstrecken und Querverbindungen fast 3 Kilometer. Nach 1903 wurde sogar noch ein 400 m langes Flügelort nach Nordwesten vorgetrieben, das die tiefen Erzlager der Grube Strumpf erschloss, Erzgänge im Tiefen Tal und unterhalb der Grube „Neue Hoffnung“ untersuchte und den Schacht Wilde Frau erreichen sollte. Die Betriebseinstellung beendete 1911 auch dieses Projekt.

Den fallenden Metallpreisen und der aufwendigen Betriebsführung war der Wildemann nach 1900 nicht mehr gewachsen. 1903 verlor er seine Selbständigkeit durch Zusammenschluss mit den Gruben Altenberg, Heinrichsegen und der seit 1891 stillgelegten Brüche. Trotzdem war das Bergwerk auf Dauer nicht mehr zu halten: 1911 kam die „Letzte Schicht“ für die etwa 100 Mann Belegschaft, obwohl die Erzvorräte noch nicht erschöpft waren.

Die Blütezeit der Grube lag in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sie neben der Schwabengrube und dem Altenberg zu den produktivsten des Reviers zählte. Um 1885 wurde auf allen Gängen mit Ausnahme des Kuhlenberges bis 92 m unter der Wildemänner Erbstollensohle, fast 250 m unter dem Gipfel der Martinshardt, abgebaut. In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts verlagerte sich die Förderung aller an den Wildemänner Erbstollen angeschlossenen Gruben auf die Müsener Seite des Berges, wo sich auch die zentralen Betriebsgebäude und die Aufbereitungsanlagen befanden. Die Erzaufbereitung „auf dem Hamburger“ im obersten Zitzenbachtal, die die Gruben auf der Westseite der Martinshardt bedient hatte, musste um 1900 schließen.